47. Berliner Festwochen "Deutschlandbilder"
Aufführungsrechte beim PROJEKT Theater- und Medienverlag GmbH Köln
   
Regie............................................................................ Susanne Truckenbrodt
   
Steinklopfer................................................................. Uwe Schmieder
Vater Klinkerfuß.......................................................... Matthias Horn
Thomas........................................................................ Wolf Scheidt
Elise.............................................................................. Kathleen Monden
Mutter Kummer........................................................... Katja Salm
Diebitz/Stiebitz........................................................... Antje Görner
Verkünder, Mann/Frau, Der Rote Kaiser, Volk.... Ensemble
   
Bühne/Kostüme......................................................... Hans Hugo Ellerfeld
Musik............................................................................ Jens Daniel Dorsch
Licht.............................................................................. Henning Streck
Technische Leitung................................................... Matthias Schäfer
Puppenbau................................................................. Berbo Thierfelder
Beratung Puppenspiel.............................................. Claudia Thierfelder
   
  Es ist nicht nur Faszination, sondern auch die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Lebensweg Barlachs und unseren eigenen Existenz und Arbeitsweise, die das ORPHTHEATER ermutigen, ein Stück Weg mit Barlach zu gehen. Gleich Barlach führt das ORPHTHEATER ein eremitenhaftes Dasein. Das Umfeld interessiert und wach beobachtend und ein beharrliches und unermüdliches Festhalten an der eigenen künstlerischen Identität ließ Werke entstehen, die nicht dem Zeitgeist entsprechen, nicht den Anspruch bahnbrechender Neuerungen haben, aber und vielleicht deshalb von bezwingender Zeit- und Raumlosigkeit sind, die ewiges und visionäres zugleich binden. Barlach wählte bewußt in der zweiten Hälfte seines Lebens die Isolation, indem er sich für den Wohn- und Arbeitsort Güstrow in Mecklenburg entschied. Dies garantierte ungestörte und somit auch entsprechend tiefe Beschäftigung mit den von ihm gewählten künstlerischen Themen. Dadurch prägte sich der eigenständige künstlerische Stil Barlachs aus. Auch das ORPHTHEATER sieht in der Produktionsweise der Isolation einen wesentlichen Moment seiner eigenen Theaterarbeit, die sich in allen Projekten des Theaters als künstlerische Eigenständigkeit beweist. Dabei haben wir, wie auch Barlach, mit dem Vorwurf der Naivität zu leben, die wir als schöpferische Kraft eher mit Einfachheit beschreiben. Die Arbeitsweise und Ästhetik des ORPHTHEATERs wurden geprägt durch zahlreiche Gastspielerfahrungen und Arbeitsaufenthalte in Rußland. Auch bei Barlach hinterließ eine gemachte Rußlandreise nachhaltigen Einfluß auf seine künstlerische Arbeit, sowohl inhaltlich als auch ästhetisch. Ein dort entstandenes Skizzenbuch diente ihm bis an sein Lebensende als Fundus seines künstlerischen Schaffens. Wie Barlach versucht das ORPHTHEATER, starke Zeugnisse zu schaffen für menschliche Sehnsucht, Widerstand, Kampf, Gottsuche, Verdammnis, Schönheit noch in Todesnähe. Für den Betrachter entsteht ein Raum, in dem sich die Grenzen.

Im "Findling" führt der Weg weit, tief hinab in die Not und das Elend der Zeit: auf die Landstrasse, zu den "Ausgestoßenen". Und dieses "Spiel" ist nun eine Phantasmagorie des Grauenvollen, der Armseligkeit, der Verlassenheit, der Nahheit und des Verbrechens, daß sich immer wieder das Herz dabei zusammenkrampft und stille zu stehen droht. Der Ekel der Gegenwart setzt sich zu Tisch, das heißt in den staubigen Chausseegraben, ein wenig geschützt durch einen Steinklopferwindschirm und erbricht sich vor unseren Augen. Der Wurm im Wanst ist stärker als der Ekel. Er will leben. Und so wird unter Würgen, Sich - Beschimpfen und Sich - Bespeien das Fleisch der erschlagenen Zeit vor unseren Augen gefressen. Zorn verwundet unbarmherzig mit seinen Sporen. Wut tanzt, um sich zu betäuben. Die Wonne der Unwürde, das Schaugepränge der Schlechtigkeit, die Schwelgerei der Selbstbeschämung, der Genuß der Unschönheit - das ist dieses Stück. Das scheint es auf den ersten Blick. Denn ein Wunder geschieht: . . .
Die Welt muß vor Ekel bersten, bevor eine neue entstehen kann.

 

 

Pressestimmen
Das Orph-Ensemble ist wunderschön ausstaffiert. In Lumpen gehüllt und blutig geschminkt kriechen und hasten die unterprivilegierten Scharen, die Kakerlaken der Weltgeschichte, heran. Sie finden sich zu Gruppen und verlieren sich wieder. Der Hunger siegt über die Solidarität. Geschichtliches Handeln verschwindet im blinden Aktionismus des leeren Magens. Hoffnung flammt auf und verschwindet. Dem Menschentier gehört die hoffnungslose Zukunft.
Wiederholt gelingt dem Orphtheater mit "Der Findling" eine Inszenierung, an der sich die Geister scheiden werden. Mit märchenhafter Wärme und Überzeugungskraft, aber auch mit Ironie und Sarkasmus, wird Werten wie Hoffnung, Zukunft und Utopie gedacht.
Das politische und menschliche Engagement, verbunden mit der zugleich befremdenden wie ergreifenden und eingreifenden Ästhetik, machen das Orphtheater einzigartig in der Berliner Theaterszene und jede ihrer Inszenierungen zum Erlebnis.
Mario Stumpfe, Neues Deutschland, 16. 9. 1997

Barlach wird von den sechs Darstellern in eine hohe Form getrieben, in eine pausenlose Erregung. Die Gruppe der Erdfarbenen mit den blutig roten Gesichtern versucht die sprachliche Gewalt der Dichtung in choreographisch komprimierten Bewegungsabläufen einzufangen, in langsamem Schreiten, Kriechen, im Niederstürzen und Wälzen auf dem Boden. Susanne Truckenbrodt treibt das Geschehen in hohe Temperaturen, will weg von jeder braven Wirklichkeit.
Christoph Funke, Tagesspiegel, 8. 9. 1997

Auch hier begegnet der Zuschauer einem schutzlosen Menschen-Haufen, der mit den hoffnungsvoll erhobenen Köpfen wieder und wieder im Dreck landet und doch nicht aufgeben will, nicht aufgeben kann. Dem Orphtheater gelingt eine beeindruckende Übersetzung in die Bildsprache. Die Texte, chorisch gesprochen, gleichen Monolithen. Die eher befremdliche Mystik Barlachs teilt sich hier als menschliches Ringen um Leben und Hoffnung mit.
Michael Freundt, Berliner Zeitung, 4. 8. 1997

Uwe Schmieder irritiert mit der inneren Widersprüchlichkeit des Steinklopfers, der mit dem neuen Heiland eine bessere Welt predigt und zugleich zum Kannibalismus verführt. Perfekt ist sein Zusammenspiel mit dem fünfköpfigen Ensemble.
Kostüme und archaisches Bühnenbild verhindern eine gewaltsame Aktualisierung des Textes, der als beeindruckendes Werk aus einer fremden Gedankenwelt zu einem Theaterereignis erster Güte wird.
Christian Schindler, Berliner Morgenpost, 9. 9. 1997

Regisseurin Susanne Truckenbrodt läßt ihr Ensemble mit den Insignien des Grauens spielen und in einem strengen Mysterienspiel ein düsteres Bild vom Zustand der Welt malen. Irgendwo zwischen grauer Vorzeit und apokalyptischer Endzeit liegt die fleischgewordene Hölle, in der ein Häufchen Elender von Hunger und Angst getrieben wird. Es sind Figuren, wie Barlach sie nicht besser in Bronze hätte gießen können.
Die Welt, 10. 9. 1997

Alles ist wie in einem Holzschnitt auf den symbolischen Kern reduziert: Feierlichkeit wie in einem Oratorium zu Beginn, die Knittelverse, die der Steinklopfer mit einem Hammer akzentuiert, die abgerissenen Lumpen, die blutrot geschminkten Gesichter des pantomimisch durchs Land ziehenden Volkes.
Handelsblatt, 12. 9. 1997